Lektorat/Korrektorat Coaching für Autoren Ghostwriting

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Interview mit Christine Hochberger, geführt von der Autorin Kerstin Stojanov  


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Frau Stojanov: Christine Hochberger arbeitet als freie Lektorin, leitet eine Schreibschule und betreibt mit der Autorin Evelyn Barenbrügge das Autorenforum buCHreif. Dadurch kennt sie beide Seiten des Literaturbetriebes. Grund genug für mich, einmal genauer nachzufragen, wie ihre Arbeit aussieht.


Frau Stojanov: Sie sind freie Lektorin und betreiben daneben eine Schreibschule. Wie können wir uns Ihren Arbeitstag vorstellen?

Frau Hochberger: Mein Arbeitstag befasst sich mit allen Dingen rund ums Schreiben. Ich gehe nach einem ganz bestimmten Plan vor, um möglichst effektiv zu arbeiten. Morgens beantworte ich zuerst die E-Mails vom Vorabend und poste den einen oder anderen Beitrag in unterschiedlichen Autoren-Foren. Dann beginne ich mit dem Lektorat. Diese Arbeit nimmt in der Regel viele Stunden in Anspruch. Da ich meist nicht nur an einem Roman lektoriere, versuche ich täglich zwei- manchmal dreigleisig zu arbeiten. Zurzeit lektoriere ich einen historischen Roman, lese einen Fantasy-Roman, bei dem ich auch das Lektorat durchgeführt habe korrektur, lektoriere ein Kinderbuch im zweiten Durchgang und beginne demnächst mit dem Lektorat eines Sachbuchs. Mit einem Autor arbeite ich seit zwei Jahren im Coaching zusammen. Bis Juni werden wir seinen Roman nun endgültig buchreif gestalten. Eine Agentur hat bereits Interesse gezeigt. Darüber hinaus nehme ich die eine oder andere Kurzgeschichte oder die Korrektur einer Webseite bzw. einer Bachelorarbeit etc. ins laufende Lektorat auf.
Die Schreibschule erfordert meine ganze Aufmerksamkeit, sobald ein Teilnehmer seine Einsendeaufgabe schickt. Dann beantworte ich meist am selben Tag evtl. Fragen und kommentiere den Text im Dokument, erstelle gemäß des zuletzt vermittelten Lehrstoffs ein Begleitschreiben mit meiner Analyse zu Inhalt, Stil und Plausibilität der Geschichte und versende mit meiner Einschätzung per E-Mail die nächste Lektion.
Oft beantworte ich im Verlauf des Tages etliche E-Mails, erstelle Angebote und natürlich auch Rechnungen.
Mit zwei Kolleginnen habe ich die Aktion „Billerbeck schreibt“ ins Leben gerufen. Zwei Workshops für historische Kurzgeschichten konnte ich dafür bereits abhalten, für die Sommerferien ist ein großes Jugend-Schreibprojekt geplant und parallel läuft ein regionaler Wettbewerb über Fenstergeschichten und Fensterlyrik. Weitere Workshops sind geplant. Im Moment arbeite ich sieben Tage in der Woche.


Frau Stojanov: Das hört sich nach einem ausgesprochen abwechslungsreichen Tag an. Historischer Roman, Fantasy, Kinderbuch. Wie schaffen Sie es, diese Romane im Kopf voneinander zu trennen? Oder passiert es Ihnen auch mal, dass Sie Handlungen und/oder Ereignisse durcheinander werfen?

Frau Hochberger: Meine Tage sind tatsächlich sehr abwechslungsreich. Für mich ist es kein Problem, in Texte vollkommen einzutauchen. Die zugehörigen Figuren in all ihren Facetten sind sofort wieder da, der „Film“ läuft nahtlos weiter, nichts anderes stört. Jeder Roman erzählt ja eine vollkommen andere Geschichte. Hin und wieder muss ich mal einen kleinen „Rücklauf“ starten, um festzustellen, ob die Logik nicht doch einen kleinen Riss hat, aber das ist ja ein ganz normaler Arbeitsablauf. Ein Autor meinte einmal, wenn ich Probleme habe, seinem Text zu folgen, dann hat er etwas falsch gemacht. Dem stimme ich zu. Nach der nächsten „Klappe“ stimmen die Bilder wieder und der „Film“ kann weitergehen. Natürlich muss ich mich als Lektorin in allen Genres, die ich bediene, auskennen. Durch meine breit gefächerte Aus- und Weiterbildung weiß ich, nach welchen unterschiedlichen „Gesetzen“ Krimi, Fantasy, historische Romane sowie Kinder- und Jugendromane funktionieren müssen. Gerade Kinderbücher stellen eine besondere Herausforderung dar. Ich glaube, in keinem Bereich ist gute Literatur so wichtig, wie im Kinder- und Jugendbereich.


Frau Stojanov: Unsere Leser interessiert bestimmt, wie eine Lektoren-Ausbildung aussieht. Verraten Sie uns, wie Sie dazu gekommen sind und wie lange Sie gebraucht haben, Ihr Ziel zu erreichen?

Frau Hochberger: Für Lektoren gibt es keine spezielle Ausbildung. Ich bin, wie gesagt, über das Schreiben zu diesem Beruf gekommen. Durch das Fernstudium zur Autorin habe ich mir das grundlegende Handwerk im kreativen Schreiben angeeignet und mich darüber hinaus anhand einschlägiger Literatur beständig mit dem Thema Schreiben befasst. Während des Schreibstudiums lernte ich neben dem grundlegenden Handwerk die Entwicklung eines Romans in den Genres Krimi und Fantasy, außerdem die Besonderheiten von historischen Romanen kennen. Das Schreiben von Kinder- und Jugendbuch habe ich in einem eigenen Studiengang erfahren. Wenn es auch keine spezielle Ausbildung für Lektoren gibt, ist die sichere Beherrschung von Handwerk, Rechtschreibung und Grammatik die Grundvoraussetzung für diese Tätigkeit. Hinzu kommt ein sicheres Gespür für Autor und Text. Ich kann sagen, dass ich drei Jahre gebraucht habe, um meinen heutigen Stand als Lektorin zu erreichen. Auch in diesem Beruf gilt: Der Mensch lernt niemals aus.


Frau Stojanov: Ein Gespür für den Autor. Ist das in Ihrem Beruf besonders wichtig? Gerüchte über hochsensible Autoren, die kratzend und beißend um jedes ihrer Worte kämpfen, sind ebenso verbreitet, wie die über Lektoren, die eine Geschichte komplett ändern. Entspricht das der Realität oder gehört das ins Reich der Märchen?

Frau Hochberger: Natürlich gibt es Autoren, die kratzend und beißend um jedes ihrer Worte im Text kämpfen. Aber ich glaube, diese Autoren finden sich eher auf einschlägigen Plattformen, wie Facebook mit all den Autorenseiten und in zahlreichen Autorenforen. Wer ernsthaft ein Lektorat für seinen Roman wünscht, weil er einer Veröffentlichung entgegenstrebt, der Geld ausgibt, weil er seinen Text verbessern will, der wird nicht kratzen und beißen, höchstens ein bisschen murren, sondern hart an seinem Manuskript arbeiten. Jede Geschichte trägt in sich die Seele des Autors. Jeder Autor weiß, dass er sein Unterbewusstsein nicht einfach abstellen kann. Die Empfindungen des Autors prägen auf lange Sicht seinen Stil. Doch, um wirklich den eigenen Stil zu finden, muss er zunächst das Handwerk beherrschen. Er muss wissen, mit welchen Mitteln er den Leser mitreißen kann. Handwerkliches Können, Persönlichkeit und ein spannendes Thema prägen einen guten Roman. Jeder Autor sollte unbedingt ein kostenloses Probelektorat in Anspruch nehmen. Auf diese Weise zeigt sich bereits, ob die Vorstellungen von Autor und Lektor in dieselbe Richtung laufen können. Gute Lektoren spüren sehr genau, welche Stellen handwerklich überarbeitet werden müssen bzw. wo die Persönlichkeit des Autors seinen Ausdruck findet. Bei Schwachstellen im Text schlage ich dem Autor mittels der Kommentarfunktion Verbesserungen vor, die ihm aber stets nur zeigen sollen, dass er an diesen Stellen noch intensiver schreiben kann. Ich arbeite nie direkt im Text und führe keine eigenmächtigen Veränderungen durch, sondern erkläre dem Autor stets, warum das eine oder andere in seinem Roman so nicht funktioniert. Ein guter Lektor wird eine Geschichte niemals komplett ändern. Hier sind wir wieder bei gegenseitigem Respekt und Vertrauen.


Frau Stojanov: Ist es denn schon einmal vorgekommen, dass Sie einem Autoren geraten haben, erst einmal von einer Veröffentlichung abzusehen?

Frau Hochberger: Ich bekomme öfter Anfragen, ob ein Manuskript zur Veröffentlichung taugt. Dann lasse ich mir Handlungsverlauf und, je nach Absprache, eine Textprobe schicken. So kann ich das Manuskript prüfen und eine detaillierte Einschätzung zum Roman abgeben. Zuletzt habe ich einem Autor eines Kinderbuchs deutlich von einer Kontaktaufnahme mit einer Agentur oder einem Verlag abgeraten. Ich analysiere fundiert und ohne etwas zu beschönigen. Nur so ist Autoren wirklich geholfen.


Frau Stojanov: Eine sehr professionelle Einstellung, die deutlich macht, wie wichtig ein Lektorat ist. Würden Sie grundsätzlich jedem empfehlen, einen freien Lektor zurate zu ziehen, ehe er sich an einen Agenten oder einen Verlag wendet?

Frau Hochberger: Um die Chance auf Annahme bei Agentur oder Verlag um ein Vielfaches zu erhöhen, empfehle ich Autoren, die noch nie veröffentlicht haben unbedingt, ein professionelles Lektorat in Anspruch zu nehmen. Ich gebe zu, dass ein Lektorat nicht preiswert ist, aber es lohnt sich. Kein hausinterner Lektor ist bereit, sich durch mangelndes Handwerk zu kämpfen, um die Quintessenz des Romans zu finden. Autoren sind manchmal Traumtänzer, manchmal Besitzer verborgener Schätze. Gerade die Besitzer verborgener Schätze sollten sich nicht scheuen, ihren verborgenen Ideenreichtum mithilfe eines professionellen Lektorats zum Strahlen zu bringen. Seit ein paar Tagen lese ich einen Fantasy-Roman korrektur, den ich auch lektoriert habe. Es ist unglaublich, wie viel der Autor durch meine Anregungen für sich und sein Werk mitnehmen konnte. Wenn mithilfe meines Lektorats ein so wunderbarer Schatz erstrahlt wie in diesem Fall, bin ich auch ein klein wenig stolz auf mich und auf meine Arbeit.


Frau Stojanov: Etwas Stolz ist sicher auch gerechtfertigt auf das zusammen mit dem Autor Erreichte. Abschließend noch eine Frage: Was würden Sie aus Lektorensicht jungen, unerfahrenen Autoren raten, wie sie den Weg zum Schriftstellersein am besten anpacken sollten?

Frau Hochberger: Ist der Roman geschrieben, muss es überarbeitet, überarbeitet und noch einmal überarbeitet werden. Hilfreich ist dabei, seinen Text auch laut zu lesen. Dazu führe ich gerne ein Zitat von Heinrich Böll an: „Es muss sozusagen über die Lippen, viele Male, dann spürt man jede flaue Stelle, jeden dummen Ausdruck wie einen Nadelstich.“ Erst wenn der Autor das Gefühl hat, dass er sein Bestes gegeben hat, sollte er sich an eine Agentur oder einen Verlag wenden. Spätestens, wenn das Paket auf die Reise gegangen ist, muss er sich ein dickes Fell überstreifen, denn es könnte sein, dass er erfahren muss, dass sein Manuskript doch nicht den Qualitätsanforderungen entspricht. In diesem Fall sollte er sich überlegen, ein Lektorat für seinen Roman zu beauftragen, das seinem Manuskript den entscheidenden Schliff verpasst, wodurch der Eintritt in die Welt der Schriftstellerei ein gutes Fundament erhält. Auf keinen Fall sollte ein Autor seine Geschichte in den Rachen eines Druckkostenzuschussverlages werfen. Diese leben von den Eitelkeiten abgewiesener Autoren und sind sehr sehr teuer. Autoren, die ihren Roman auf dem E-Book-Sektor veröffentlichen möchten, rate ich dringend, ein professionelles Lektorat in Anspruch zu nehmen, wenn sie sich von der Masse der Selbstverwirklicher abheben möchten. Zu guter Letzt gebe ich allen Autoren mein Lieblingszitat von Louis de Bonald mit auf den Weg: „Die Literatur ist der Ausdruck der Gesellschaft, wie das Wort Ausdruck des Menschen ist.“


Frau Stojanov: Für alle, die nun der Meinung sind, es würde ihnen helfen, ein Lektorat oder eine Schreibschule in Anspruch zu nehmen: Wo können Interessierte Sie im Netz finden?

Frau Hochberger: Interessierte Autoren finden Informationen und Referenzen über meine Tätigkeit unter www.buchreif.de. Selbstverständlich gebe ich auch telefonisch oder wenn es möglich ist, im persönlichen Gespräch Auskunft.


Frau Stojanov: Viele Dank für das angenehme und informative Gespräch, Frau Hochberger.

Frau Hochberger: Ich habe gerne aus dem Nähkästchen geplaudert und hoffe, dass ich dem einen oder anderen Autor ein klareres Bild über das Lektorat vermitteln konnte.